The Adoration of the Mystic Lamb  - Jan Van Eyck - ©Lucasweb.be, http://www.lukasweb.be/en/photo/the-ghent-altarpiece-open-152
Der Genter Altar der Brüder Van Eyck hat seit seiner Entstehung im Jahr 1432 die Fantasie angeregt. Jahr für Jahr stürmen Scharen von Touristen die Genter St. Bavo-Kathedrale, um das berühmte, fast 4 m breite und mehr als 5 m hohe Polyptychon zu sehen. Bei den laufenden Restaurierungsarbeiten hat sich gezeigt, dass das Gemälde sehr viel mehr Geheimnisse als bisher vermutet birgt.

Der Genter Altar der Brüder Van Eyck

Restoration of the Ghent Altarpiece © KIK IRPA Bruxelles

„Mehr als 400 Jahre lang konnten wir den eigentlichen Genter Altar nicht sehen“, erklärt Bart Devolder. Seit Oktober 2012 koordiniert Devolder das Restaurierungsprojekt am KIK (Königliches Institut für Kulturgut), einem belgischen Institut, dessen Expertise Weltruf genießt. „Vor einigen Monaten entdeckten wir, dass große Teile des Gemäldes bei einer Restaurierung im 17. Jahrhundert übermalt wurden. Das war damals die allgemein anerkannte Art, ein Gemälde zu restaurieren. Die gute Nachricht lautet, dass die Originalschicht noch immer in gutem Zustand ist. Wir können daher im Prinzip die oberste Schicht entfernen“, führt Devolder aus.

Während man sich bei einer Restaurierung manchmal bewusst dafür entscheidet, die Spuren der Zeit zu erhalten, sind die Restauratoren davon überzeugt, dass es in diesem Fall besser wäre, die oberste Schicht zu entfernen. „Wir haben bereits in einigen Bereichen kleine Fenster in der obersten Schicht eröffnet. Die Farben, Details und Faltentiefen, die sich dabei gezeigt haben, sind von erstaunlicher Qualität und passen perfekt zum Stil Van Eycks. Das erklärt auch, warum Experten bisher Details dieses Gemäldes zu den weniger bekannten Arbeiten von Van Eyck gezählt hatten. Jetzt wissen wir, dass dies darauf zurückzuführen war, dass die Arbeit des echten Van Eyck zu großen Teilen unter neueren Farbschichten verborgen ist“, vermutet Devolder.

Fast alle Gewänder der Personen auf den äußeren Flügeln wurden übermalt

Detail Restoration Ghent Altarpiece © KIK IRPA Bruxelles
Weitere Details, wie ein Spinnennetz über den Köpfen von Joos Vijd und Elisabeth Borluut, wurden ebenfalls kürzlich während der Restaurierung entdeckt. „Wenn wir das gesamte Gemälde restaurieren könnten, würde der Altar dadurch nicht nur viel schöner, die Historiker würden auch eine Menge Material für neue Forschungen zur Ikonographie und zum Stil Van Eycks erhalten“, sagt Devolder. „Die Sache ist nur, dass die Restaurierung dann sehr viel länger als geplant dauern würde. Wenn man sich vor Augen hält, dass wir durchschnittlich an einem Tag 4 cm² restaurieren, können Sie sich vorstellen, was für eine Leistung das gesamte Restaurierungsprojekt darstellt.“

Ein beachtliche Leistung

Het Lam Gods - restoration atelier © KIK IRPA Bruxelles
Schon jetzt sind zahlreiche Partner an der Restaurierung des eigentlichen Gemäldes beteiligt. Auf diese Weise kann das Team bei der Untersuchung der Farbdicke und der Größe der Risse und der Erforschung der chemischen Elemente, die auf den Tafeln präsent sind, von der Sachkenntnis der belgischen Universitäten profitieren. Der letztgenannten Technik verdanken wir unter anderem die Entdeckung der Restaurierungsschicht aus dem 17. Jahrhundert.

3 zum Preis von 1

Caermersklooster - Het Lam Gods ont(k)leed © http://www.caermersklooster.be
So regt der Genter Altar nicht nur mit seiner reichen Ikonographie und seinem beeindruckenden Pinselstrich, sondern auch mit seiner geheimnisvollen Geschichte die Fantasie an. Zu den Geheimnissen, die kürzlich neue Aufmerksamkeit erhalten haben, zählt das Verschwinden der Tafel „Die gerechten Richter“. Das Gemälde wird seit 1934 vermisst und sein Aufenthaltsort ist bis heute unbekannt. „Wenn jemand das Gemälde besitzt, so kann er oder sie es jederzeit in unserer Restaurierungswerkstatt abgeben. Für uns ist wichtig, dass es zurückgegeben wird, damit es optimal für künftige Generationen erhalten werden kann“, erklärt Devolder.

Eine Ausstellung über die reiche Vergangenheit des Gemäldes, die fast sechs Jahrhunderte umfasst, ist für die Dauer der Restaurierungsarbeiten, die voraussichtlich bis 2017 andauern werden, im Genter Carmersklooster zu sehen. Die Ausstellung trägt den Titel „Het Lam Gods ont(k)leed!" (Der enthüllte Genter Altar). Die Ausstellung wird durch zeitweilige Ausstellungen ergänzt, die besonderen Themen gewidmet sind, zum Beispiel der Herkunft der Holztafeln und der Bildersprache des Gemäldes.

Wer den Besuch der Ausstellung mit einem Besuch der Restaurierungswerkstatt im Museum der Schönen Künste (MSK) und der St.-Bavo-Kathedrale verbinden will, wo zwei der drei Tafeln gezeigt werden, kann ein Kombiticket zum Preis von zwölf Euro erwerben. Besucher, die das gesamte Angebot nutzen, können einen ausgezeichneten Einblick in dieses wunderbare Werk gewinnen. An jedem letzten Mittwoch des Monats beantworten die Restauratoren Ihre Fragen im MSK. Interessant ist auch der Van Eyck-Spaziergang durch das Gent des 15. Jahrhunderts, der alle drei Standorte miteinander verbindet.
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