Flemish Masters 2.0

Flämische Meister gab und gibt es in allen Formaten, Formen und Epochen. Van Eyck, Bruegel und Rubens waren die ersten berühmten Vertreter. Heute bringen ihre Erben wie ROA und A Squid Called Sebastian Farbe in unsere Städte. Flandern ist die Wiege des Kulturerbes und Kleinod der Streetart.

„Die Welt ist nur eine Leinwand für unsere Fantasien“, schrieb der Philosoph Henry David Thoreau schon vor rund 150 Jahren. Eine neue Generation von Künstlerinnen und Künstlern nimmt sich dieses Zitat zu Herzen. Und wie! Jahrhundertelang folgte die Kunst einigen unmissverständlichen, ungeschriebenen Regeln. Wohldurchdachte, technisch perfekt ausgeführte Pinselstriche wurden auf eine Leinwand gebannt. Die Leinwand erhielt dann einen Platz in einer Kathedrale oder Kirche, einem Museum oder einer (privaten) Kunstsammlung. Heute gelten andere Regeln.

Die modernsten unter den Meistern nutzen die Straße, die Stadt und die Welt im wahrsten Sinne des Wortes als Leinwand für ihre Kunst und Fantasie. Ob große, blinde Wände oder versteckte Winkel, leicht abgenutzte Stadtmöbel oder die Fassaden herrschaftlicher Wohnhäuser: Alles wird zur Leinwand für eine neue Generation flämischer Meister wie ROA, Bué The Warrior, KAS, A Squid Called Sebastian und Dutzende, Hunderte, Tausende andere.

Summer Josephine's (c) Josephines

Ihre zuweilen düsteren, viel öfter aber farbenfrohen Kreationen verleihen dem Flandern von heute eine neue Note. Und die Meister von heute versäumen es dabei nicht, ihren Vorgängern zu huldigen. Das schöne Gent ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Unter dem Motto „OMG! Van Eyck was here“ anlässlich des Festjahres zu Ehren von Jan van Eyck lud die Stadt Gent einige renommierte Streetart-Künstler ein. Ihre brandneuen Werke sind eine Ode an das mythische Genter Altarbild Anbetung des Lammes Gottes. Wer sich auf diesem einzigartigen Rundgang durch die Streetart noch nicht sattgesehen hat, auf den warten ein paar Hundert weitere Augenschmäuse. Ein detaillierte Stadtplan weist den Weg zu allen diesen großen und kleinen Meisterwerken, die über die ganze Stadt verteilt zu bestaunen sind.

Auch das lebhafte Brüssel hat in Sachen Streetart viel zu bieten. Und auch hier scheinen immer wieder die alten Meister durch. Die Künstlergruppe Farm Prod hat einen Rundweg entwickelt, der als Ode an Pieter Bruegel gedacht ist. Entlang dieses Rundwegs finden sich einzigartige Fresken auf Fassaden des berühmten Arbeiterviertels Marolles. All das viele, was die belgische Hauptstadt darüber hinaus in Sachen Streetart aufzubieten hat, lässt sich am besten auf dem Parcours Street Art erkunden. 

Graffiti Street Ghent @VisitGent

Vom pulsierenden Herzen Belgiens geht es weiter in einen der äußersten Zipfel des Landes: an die Nordseeküste. Ostende, Perle der Belle Époque, ist die vielleicht größte Freiluftgalerie des Landes. 2016 ging The Crystal Ship dort erstmals vor Anker. Das quirlige Straßenkunstfestival schenkt der Stadt seitdem Jahr für Jahr Dutzende neue Pieces von renommierten Streetart-Künstlerinnen und -Künstlern. The Crystal Ship hat der Stadt im buchstäblichen Sinne einen nicht mehr wegzuwischenden Stempel aufgedrückt. Ob verborgen in kleinen Winkeln oder unübersehbar in Monumentalgröße: Die Streetart-Kunstwerke sind immer einen Besuch wert.

The Crystal Ship 2020 -©-Toerisme Oostende vzw - Nick Decombel Fotografie

In Antwerpen kann man dann gleich zweimal auf den Spuren der Streetart wandeln. Zunächst einmal in der Großstadt an sich. Eine weitere Spur führt tief hinein in das Hafengebiet. Auch im urbanen Antwerpen findet sich eine Mischung aus historischem Erbe und modernen Perlen der Streetart. Street Art Antwerp hat sie alle auf einer Karte zusammengefasst und informiert außerdem über Neuigkeiten in der Antwerpener Streetart.

Vor der Stadt, am Rande des Hafengebiets von Antwerpen, werden Sie Zeuge eines ganz besonderen Spiels der optischen Eindrücke. Dort liegt Doel, das Dorf der Kontraste: Von einer Windmühle aus dem 17. Jahrhundert wandert der Blick auf das nahe Kernkraftwerk und dazwischen auf Streetart satt. Vor rund 50 Jahren galt als besiegelt, dass Doel im Antwerpener Hafen aufgehen würde. Obwohl das bis heute nicht geschehen ist, gingen die Einwohnerzahlen stetig zurück. Heute wirkt Doel wie ein Geisterstädtchen. Inmitten der Tristesse besetzter Gebäude und von Häusern mit vernagelten Fenstern füllte die Streetart das Dörfchen wieder mit Farbe. Zweifelsohne ein einmaliger Anblick.

Ghent - (c) Eugène Hertoghe

Unsere Städte sind der lebende Beweis: Auch viele Jahrhunderte nach Van Eyck, Bruegel und Rubens leben die flämischen Meister weiter. Im Großen und Kleinen, in Großstädten und einem fast verlassenen Geisterstädtchen. Flanderns Streetart hat eine Menge zu bieten.

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